Risikomanagement

Fahren auf Sicht reicht nicht

Von Wolfgang Zügel · 2017

Die Unruhe im Welthandel und an den internationalen Finanzmärkten ist für Unternehmen eine große Herausforderung. Gerade deshalb wird für exportorientierte Mittelständler ein Risikomanagement und langfristig ausgerichtetes Cashmanagement immer wichtiger.

Turbulenzen in der Weltwirtschaft, das angekündigte Ende diverser Handelsabkommen, die anhaltende Niedrigzinspolitik der Europäischen Zen­tralbank und der zunehmende Finanzbedarf für die Industrie 4.0 – diverse Risiken stellen nicht nur weltweit agierende Großunternehmen vor gewaltige Herausforderungen, sondern auch den Mittelstand. Denn viele dieser Firmen sind von erfolgreichen Exportgeschäften abhängig. 

Umso wichtiger ist ein ausgeklügeltes, langfristig angelegtes Risiko- und Cashmanagement. Wie groß der Nachholbedarf ausfällt, zeigt eine Befragung der Fachhochschule des Mittelstandes in Bielefeld (FHM) im Februar dieses Jahres, der zufolge nur 40 Prozent der mittelständischen Firmen ein Cashmanagement implementiert haben. Anders betrachtet: Mehr als die Hälfte vernachlässigen diese Management-Aufgabe in ihrem Unternehmen.

Cashmanagement-Systeme erfassen, bearbeiten und optimieren die Zahlungsströme. Die Funktionen der Software gehen weit über den elektronischen Abruf von Kontoständen hinaus. Die Systeme können mehr als nur Zahlungen abwickeln: Sie erlauben eine globale Liquiditätsplanung, die Disposition flüssiger Mittel über alle Tochterunternehmen hinweg, die weltweite Aufrechnung konzerninterner Forderungen und Verbindlichkeiten sowie die Begrenzung von Währungskursrisiken durch Absicherungsmaßnahmen.

Liquidität optimal steuern

Bezüglich der Digitalisierung im Rahmen der Industrie 4.0 steht Folgendes im Fokus: Die durch die FHM befragten Unternehmen erwarten, dass es zu einer stärkeren Vernetzung von Cashmanagement-Systemen entlang der Wertschöpfungskette, auch über den internen Betrieb hinaus kommen wird. Fast 70 Prozent der Befragten geben an, dass die Digitalisierung zu einem Ausbau des Cashmanagement-Systems führen wird.

Vorrangiges Ziel der Unternehmen bei der Steuerung der Liquidität ist, die Vorhaltung von Finanzmitteln möglichst einzuschränken, um so Gebühren zu reduzieren. Die Anlage kurzfristigen Geldes ist aus Sicht des Großteils der Befragten nicht mehr attraktiv und verliert im Cashmanagement an Bedeutung. Bei der Aufnahme von Krediten ist es Ziel der Betriebe – neben möglichst niedrigen Zinsen, lange Laufzeiten auszuhandeln. Investitionen werden derzeit aufgrund niedriger Fremdkapitalzinsen attraktiver.

Einen Risikoverantwortlichen einsetzen

Ein Risikomanagement ist immer auch ein Frühwarnsystem, das bei der Vermögensanlage des Unternehmens nützlich sein kann. „Die meisten Mittelständler erkennen inzwischen, dass sie durch ein gut aufgestelltes Risikomanagement ihren Unternehmenserfolg nachhaltig fördern können“, sagt Thomas Tilch, Partner bei PwC im Bereich Governance, Risk & Compliance. Entsprechend siedeln viele Unternehmen das Thema in einer zentralen Abteilung im Hause an, häufig beim Controlling. Die meisten Unternehmen haben inzwischen eigene Risikoverantwortliche benannt. 

Umfrage zu den wichtigsten Geschäftsrisiken für Unternehmen. Quelle: Allianz (Global Corporate & Speciality), 2015

Analyse langfristig ausrichten

Die Risikosysteme dienen aber auch noch einem anderen Zweck – nämlich der Betrugsprävention. Im Rahmen der bekannt gewordenen Betrugsfälle, in denen sich Kriminelle Zahlungen erschlichen hatten oder in denen Betrüger Zahlungsverkehrsbelege mit gefälschten Daten und Unterschriften bei Banken einreichten, steigt die Sensibilität in den Unternehmen. Eine Reaktion könnte sein, auf Zahlungen mit Belegen gänzlich zu verzichten. 

Schwierigkeiten im Umgang mit möglichen Risiken ergeben sich erst in der Praxis. Insbesondere konzentriert sich die Mehrheit lediglich auf kurzfristige Risiken – 64 Prozent der Teilnehmer einer PwC-Studie bestätigen, dass ihre Risikoanalyse nur auf die kommenden ein bis zwei Jahre ausgerichtet ist. „Die Analyse orientiert sich häufig an der einjährigen Budgetplanung. Gerade für Mittelständler wäre eine langfristige Steuerung aber wichtig, da sie in der Regel in wenigen Geschäftsfeldern tätig sind und ihre Risikostreuung entsprechend gering ist. Fahren auf Sicht reicht auf Dauer nicht“, sagt Tilch und empfiehlt daher eine längerfristige Betrachtungsweise.