Nachwuchs und Fachkräfte

Gefragt, gelockt, umworben

Von Alexandra Grossmann · 2017

Der richtige Standort kann ein Wettbewerbsvorteil sein für qualifizierten Nachwuchs.

Es herrscht Nachwuchsmangel in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Unternehmen werben mit Hochglanzbroschüren und Extras um qualifizierte Auszubildende. Auch Fachkräfte sind auf dem Arbeitsmarkt Mangelware, die umworben und gelockt werden. Gut ausgebildete Mitarbeiter achten heute weniger auf den Verdienst und mehr auf die Bedingungen ihres Arbeitsplatzes.

Gleich am Eingang stehen sie, hell erleuchtet in freundlichem Licht, leicht zu greifen im Aufsteller und in einem Format, das in jede Handtasche passt: Die 31-seitige Broschüre „Ausbildung und Studium, vielfältige Möglichkeiten bei dm“. Darin Fotos lächelnder Jugendlicher, eine Checkliste mit Ausbildungsmöglichkeiten, Bewerbungstipps. Die Drogerie-Kette dm ist nicht allein mit der Strategie, junge Menschen auf sich aufmerksam zu machen. Es herrscht Nachwuchsmangel in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Unternehmen lassen sich viel einfallen, um die besten Kandidaten für sich zu gewinnen.

Eine Vielzahl unbekannter Berufe

Firmen locken die jungen Talente mit immer höherem Verdienst, Smartphone, Tablet-PC oder sogar mit einem Auto. Doch häufig findet sich trotzdem kein geeigneter Kandidat. 610 Plätze blieben laut Industrie- und Handelskammer (IHK) allein in Berlin im vergangenen Jahr frei. Auf der anderen Seite finden viele Jugendliche keinen Platz. Gründe gibt es viele. Manche Berufe werden nahezu überrannt vor Bewerbungen, andere sind unter Jugendlichen kaum bekannt. Viele glauben, in den Berufen rund um Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) habe man wenig Kontakt mit Menschen und einen gefährlichen und kalten Arbeitsplatz. 

Flexible Arbeitszeitmodelle gefragt

Auch in Österreich fehlt qualifizierter Nachwuchs – fast jeder achte hochqualifizierte Arbeitnehmer wandert derzeit aus. Die Wirtschaftskammer will die Innovationsleistung zwischen Hochschulen und Unternehmen verbessern, um Nachwuchs für den Standort zu sichern. In der Schweiz hat mittlerweile jedes zweite Unternehmen Schwierigkeiten, Fachkräfte zu finden. Zudem sind gute ausgebildete Arbeitnehmer immer seltener loyal, wenn sie nicht zufrieden sind. Gerade jüngeren Angestellten geht es heute weniger um Geld. Vielmehr wollen sie etwas Sinnvolles tun und die Arbeit mit der Familie vereinbaren. In Deutschland wünschen sich laut einer Studie des Marktforschungsunternehmens GfK sogar mehr als 90 Prozent der jungen Manager eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sie wollen Leistung erbringen, fordern aber flexible Arbeitszeitmodelle.

Standort als Entscheidungsfaktor

Der Standort ist ein wichtiger Faktor für Nachwuchs und Fachkräfte – doch für eine Auszubildende ist ein Mittelständler auf dem Land meist weniger attraktiv als für einen Familienvater. Immobilienpreise, Verkehrsanbindung oder nahe Schulen können entscheidend sein. Umgekehrt gründen manche Unternehmen der Kreativbranche Standorte in Großstädten, allein um originelle Köpfe zu binden. 

Für Unternehmen lohnt es sich, positive Merkmale des Standorts schon in ihre Karriereangebote zu integrieren als Teil Ihrer Argumentation für die Firma. Die Drogerie dm löst diese Frage auf ihre Weise: hinten in der Broschüre ist gleich das ganze Land abgedruckt, mit Ausbildungsplätzen und 1.800 Filialen – da stellt sich die Frage nach dem Standort kaum.