Laststeuerung

Gut gesteuert ist halb gespart

Von Hartmut Schumacher · 2016

Die zunehmende Nutzung von erneuerbaren Energien bringt das Gleichgewicht unseres Stromnetzes durcheinander. Abhilfe schaffen lässt sich bis zu einem gewissen Grad durch das gezielte Steuern der Stromnachfrage – unter anderem durch finanzielle Anreize für Unternehmen.

Derzeit müssen sich private und gewerbliche Verbraucher noch nicht viele Gedanken darum machen, wann sie wie viel Strom verwenden. Das liegt daran, dass unser Strom zu etwa 75 Prozent von konventionellen Kraftwerken stammt – die zuverlässig und kontinuierlich ihre Arbeit verrichten. Wird mehr Strom benötigt, dann kann die Energiewirtschaft kurzfristig die Leistung der Kraftwerke hochfahren oder aber zusätzliche Kraftwerke hinzuschalten. Das wird sich jedoch grundlegend ändern. Denn bis zum Jahr 2050 sollen 80 Prozent unseres Stroms aus erneuerbaren Energiequellen kommen, vorrangig aus Wind- und Sonnenkraftwerken. So zumindest das Ziel der Bundesregierung. So immens und unbestritten die Vorteile dieser umweltfreundlicheren Technologien auch sind, so haben sie doch einen gravierenden Nachteil: Sie liefern nicht beständig die gleiche Energiemenge. Schlicht und einfach deshalb, weil sie abhängig sind von der gegenwärtigen Stärke des Windes und des Sonnenscheins. Das führt dazu, dass das System aus Stromangebot und -nachfrage immer häufiger aus dem Gleichgewicht gerät. Und das wiederum gefährdet die Versorgungssicherheit – die für die Industrienation Deutschland einen ganz besonderen und unverzichtbaren Standortvorteil darstellt.

Steuerung der Nachfrage

„Damit die Energiewende ein Erfolg wird, müssen wir die Erneuerbaren besser in das Gesamtsystem integrieren“, sagt dazu Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner. Das Zauberwort, das dieses Ziel erreichbar machen soll, heißt „Demand-Side-Management“ (zu Deutsch: „Laststeuerung“ oder „Lastmanagement“). Gemeint ist damit die gezielte Steuerung der Stromnachfrage, um den Energieverbrauch zeitlich zu verschieben. Das Potenzial, das der Laststeuerung zugetraut wird, kann sich sehen lassen. Das Umweltbundesamt hat für eine Studie Unternehmen aus neun Branchen befragen lassen, die zusammen etwa 30 Prozent des industriellen Stromverbrauchs ausmachen: Die Studie kommt auf ein theoretisches Potenzial von sechs Gigawatt. Und auf ein realistisches Potenzial, das zusätzlich zu technischen Bedingungen auch vertragliche Hindernisse berücksichtigt, von immerhin noch 3,5 Gigawatt. Dies entspricht etwa vier Prozent des höchsten momentanen Energieverbrauchs in Deutschland. „Eine flexiblere Stromnachfrage ist zentral für die Energiewende. Es muss uns zukünftig gelingen, insbesondere die Spitzenstromnachfrage stärker in Zeiten zu legen, in denen Wind- oder Solarenergie ihren Strom liefern“, folgert daher auch Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamtes. „Dann brauchen wir weniger installierte Leistung in den konventionellen Kraftwerken.“

Zusätzliche Einnahmen für Firmen

Nicht nur die Versorgungssicherheit des Stromnetzes soll vom Demand-Side-Management profitieren, sondern auch die einzelnen Unternehmen selbst, die diese Methoden einsetzen: „Lastmanagement bietet Unternehmen die Chance, Energiekosten zu senken und Erlöse zu generieren“, erläutert Annegret-Cl. Agricola, Bereichsleiterin bei der Deutschen Energie-Agentur. Die zusätzlichen Einnahmen entstehen beispielsweise dadurch, dass sich die Unternehmen, über die Ausschreibungsplattform der Abschaltverordnung oder über den Regelenergiemarkt, für das Abschalten ihrer Fertigungsanlagen oder für das zeitweilige Drosseln ihres Stromverbrauchs bezahlen lassen, wenn die Situation im Stromnetz es erfordert. In energiehungrigen Branchen wie der Stahl-, Chemie- und Glasindustrie bestehen besonders hohe Potenziale für Demand-Side-Management. Geeignet sind naturgemäß vor allem Herstellungsprozesse, die sich verschieben lassen, und Anlagen, die über eine Stromspeicherfunktion verfügen.

Energiewende – Geschätzter Investitionsbedarf in ­Deutschland bis 2020 nach Bereichen (in Milliarden Euro); Quelle: BMUB, KfW, 2014

Wussten Sie schon?

Die Deutsche Energie-Agentur führt derzeit in Baden-Württemberg und Bayern zwei Pilotprojekte zum Thema „Demand-Side-Management“ durch. Diese Projekte sollen nicht nur regionale Unternehmen dabei unterstützen, ihre Lastverlagerungspotenziale zu erkennen und zu vermarkten, sondern haben auch das Ziel, Erkenntnisse über die praktische Umsetzung zu gewinnen, aus denen sich dann Standards und Leitlinien für den deutschlandweiten Einsatz entwickeln lassen.