Fachkräftemangel

Ostdeutschland sucht Fachkräfte

Von Benjamin Kemminer · 2014

Ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung hat sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt in den neuen Bundesländern in einigen Bereichen dem Niveau des Westens angeglichen, bleibt aber aufgrund des ungleichen Lohnniveaus und infrastrukturellen Unterschieden problematisch.

Der Umbau vom Sozialismus in die freie Marktwirtschaft hatte zunächst verheerende Folgen in Ostdeutschland. Diese resultierten laut Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, aus der „schockartigen Öffnung“ der Grenzen. Der Nachwuchsüberschuss – bedingt durch die geburtenstarke „Baby-Boomer-Generation“ im Verhältnis zur geburtenschwachen Rentnergeneration der Jahre 1925 bis1945 – wurde in den neuen Bundesländern zum Problem. Zudem hatte die Produktivität der DDR 1990 gerade mal ein Drittel des Westniveaus. Die Folge: hohe Arbeitslosigkeit und Betriebsschließungen. Der Übergang in den freien Wettbewerb erforderte vom dortigen Arbeitsmarkt die Aneignung moderner Technologien, vor allem aber betriebswirtschaftlich ausgerichtetes Handeln. Dementsprechend konzentrierte sich das Engagement der Bundesagentur für Arbeit auf eben diesen Strukturwandel. Arbeitsbeschaffungs-, Qualifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen erzielten eine nachhaltige Verbesserung der Situation. Bis 2005 sank die Arbeitslosenquote von 19 auf 9 Prozent.

Quelle: DIHK, 2011

Mehr alte als junge Menschen

Der Arbeitssoziologe Burkart Lutz kommt in seiner Studie „Fachkräftemangel in Ostdeutschland“ jedoch zu alarmierenden Ergebnissen. Es ist zum einen der demografische Wandel, der in den vergleichsweise dünn besiedelten neuen Bundesländern eine besonders starke Wirkung entfaltet. Bereits 2011 hatte die Zahl der 63-jährigen Beschäftigten erstmals die der Schulabgänger überstiegen. Zum Vergleich: 1991 gab es hier noch eine Differenz von über 200.000 zugunsten der Schulabgänger. Ein weiteres Problem sind die besonderen Strukturen und Verhaltensmuster in der ostdeutschen Industrie – geringe Betriebsgröße und homogene Qualifikationsstruktur – sowie mangelnde personalpolitische Kompetenzen. Leistungsfähige und differenzierte Strukturen bei der Personalpolitik seien laut Lutz nötig, um gut ausgebildete Fachkräfte möglichst langfristig an ostdeutsche Unternehmen zu binden. Doch die Verdienstmöglichkeiten bei ähnlicher Qualifikation betragen im Durchschnitt aktuell immer noch gerade mal zwei Drittel des Westniveaus. Vor allem die Metall- und Elektroindustrie ist davon betroffen, zumal dort ein besonders starker Mangel an gut ausgebildetem Personal herrscht.

Stellen länger unbesetzt als im Westen

Übertroffen hat man den Westen daher in einer „Negativ-Disziplin“: 2013 dauerte es in Ostdeutschland erstmalig länger, eine freie Stelle neu zu besetzen – durchschnittlich 86, gegenüber 81 Tagen im Westen. Laut Andreas Kubis vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hätten ostdeutsche Betriebe mittlerweile dieselben Probleme wie im Westen: Ein Überangebot an qualifizierten Stellen auf der einen und zu viele schlecht ausgebildete Arbeitskräfte auf der anderen Seite.