New Work

Schöne, neue Arbeitswelt

Von Karl-Heinz Möller · 2016

Verkastete Strukturen in der Organisation brechen auf, die Work-Life-Balance wird neu definiert, starre Hierarchien verschwinden. Ob es nur eine Revolution in den Köpfen oder eine andere Zeitrechnung in den Unternehmen beginnt, wird sich zeigen.

Home Office verbindet Familie und Beruf

Sind die Unternehmen auf dem Wege zu demokratischen Gebilden? Diese Frage geht in gewissen Kreisen nicht nur um, sondern wird bereits mit real existierenden Arbeitsmodellen beantwortet. Die Rede ist keineswegs von genossenschaftlich organisierten Architekturbüros, Social-Media-Verlagen oder von basisdemokratisch organisierten Fahrradbüros. Es geht um bodenständige Werkzeugmaschinenhersteller, Automobilfabriken und Baufirmen, die ihre Hierarchien zerschlagen, Abteilungsleiter abschaffen, in flexiblen Teams mit wechselnder Führung arbeiten oder Unternehmen, in denen Mitarbeiter ihr Gehalt selbst bestimmen. Bei der Verleihung der New Work Awards 2016 – eine Initiative des Business-Netzwerkes Xing in Kooperation mit Human Resources Manager und Focus – wurde deutlich, dass selbst in konservativ geführten Konzernen und mittelständischen Betrieben ein Umdenken eingesetzt hat.

Freiheit als Unternehmenskultur

Klingt gut. Aber wie kann dies in die Praxis umgesetzt werden? An drei Beispielen von Preisträgern des Awards ist zu erahnen, wie mit einzelnen Konzepten die Quadratur des Kreises erreicht werden kann. Die Robert Bosch GmbH setzt mit ihren Arbeitszeitmodellen Anreize für eine flexible und familienbewusste Arbeitskultur. Mit über 100 Alternativen, unter anderem Homeoffice, Job-Sharing und auf Betreuungszeiten abgestimmte Familienarbeitsplätze in der Produktion, können sich die Mitarbeiter beruflich wie privat verwirklichen. Im Bauunternehmen Heitkamp & Hülscher werden Mitarbeiter zu Unternehmern. Mitarbeiter sind nicht nur am Erfolg beteiligt, sondern am ganzen Unternehmen. Das Konzept hilft bei der Mitarbeiterbindung wie –gewinnung. Seit Sommer 2014 arbeiten Angestellte des jungen Web- und App-Technologie Unternehmens Bike Citizens – vom Chef bis zum Praktikanten – nur noch montags bis donnerstags. Erfolgreich: Weniger Krankheitstage, hohe Produktivität, ausgeglichene und fröhliche Stimmung im Büro. Der freie Freitag hat sich zudem als zugkräftiges Argument für Bike Citizens als Arbeitgeber erwiesen. Professorin Isabell Welpe, Inhaberin des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre – Strategie und Organisation, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der tu München vergleicht die neuen Arbeitsmodelle mit der französischen Revolution als einem ursprünglich „demokratischen Experiment“, welches in der Rückschau sehr gut funktioniert habe. Überall würden Unternehmen zu „Mini-Demokratien“.

Adieu Peter-Prinzip

Vor allem Startups setzen hierzulande Zeichen. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird hoch eingeschätzt. Diese Formen von Kultur am Arbeitsplatz werden unterstrichen durch eine bewusst bunte Mischung aus Internationalität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie Angebote über alle Generationen hinweg. Die Initiative „Space Cowboys – Daimler Senior Experts“ der Daimler AG zeigt in diese Richtung. Mehr als 460 potenzielle Daimler-Mitarbeiter im Ruhestand haben sich im „Expertenpool“ des Unternehmens registriert und stellen dort ihre Erfahrungen und ihr Expertenwissen auf Abruf zur Verfügung. Personalberater hören immer häufiger: Karriere sei ein Ziel. Aber selber zu wachsen wäre wichtiger, als immer höher zu klettern. Das ist unter jungen Menschen weit mehr als ein Statement. Es spielt eine Lebensweise wieder. Arbeiten nach dem „Peter-Prinzip“ ist ein Auslaufmodell. Vielleicht war es dies schon immer. Laurence J. Peter, kanadischer Erziehungswissenschaftler und Professor, sagte: Jeder steigt so lange auf, bis er den höchsten Grad seiner Unfähigkeit erreicht hat. Selbst für eher konservativ einzuschätzende Unternehmensberatungen wie Kienbaum Consultants ist Downgrading mittlerweile ein wichtige Karriereschritt. New Work, die neue Arbeitswelt, funktioniert eben anders.