Selbstreflexion

Überstunden am Kickertisch

Von Nicole Thurn · 2019

Höher, schneller, weiter: Der Transformationsdruck in den Unternehmen steigt. Was uns wirklich weiterbringt? Innehalten.

Mehrere Mitarbeiter spielen an einem Kickertisch. Thema: Selbstreflexion
Foto: iStock/LightFieldStudios

Die neue Arbeitswelt ist bunt, fröhlich, mit Kickertisch im Vorzimmer und agilen Teams vor dem Whiteboard. Sie ist schnell wie ein Taifun, effektiv wie ein Hochleistungsmixer und dabei übermotiviert wie ein Vierjähriger im Zuckerflash. Sie ist die Verheißung des neuen Jahrtausends abseits des obsolet gewordenen Taylorismus. Ist sie das? Noch zu häufig ist sie oberflächlich, reaktiv, hektisch und effizienzgetrieben. Das hippe Großraumbüro und das neue Collaboration Tool täuschen noch zu gern über die Tatsache hinweg, dass Personalknappheit und Work Overload die Stimmung vermiesen, dass agile Teams unter massivem Ergebnisdruck stehen und Transformationsprojekte an allen Ecken und Enden knirschen. Die neue Arbeitswelt kostet verdammt viel Energie, sie sorgt für Reibereien und sie ist beileibe nicht immer effektiv. Reflexartig New-Work-Tools und -Methoden einzuführen, kann heftige Nebenwirkungen auslösen.

Warum ist das so? Der Veränderungsdruck ist hoch. Das „Höher, Schneller, Weiter“ bleibt – leider – meist oberste Maxime, es geht um das Bestehen auf den Märkten, um das Erschließen wichtiger Kundenströme, darum, den Staub des Industriezeitalters abzuschütteln und den Pioniergeist des digitalen Zeitalters zu erwecken. Zeit zum Durchatmen, reflektieren? Bleibt kaum. 

Frithjof Bergmann, der Begründer von New Work, sah darin eine gesellschaftliche Reformbewegung, die neben Brotjob und Selbstversorgung dem Platz machen sollte, was uns allen guttäte: nämlich zu tun, was wir „wirklich, wirklich wollen“. Wir könnten so unsere Stärken und Potenziale in unsere Arbeit einbringen, neue Aufgabenfelder entdecken, als Teams zusammenwachsen und als Unternehmen mehr Sinn in die Welt bringen (für die Kunden, die Gesellschaft, die Umwelt). 

Am Anfang war die Frage

Genau für den wesentlichsten Grundstein von New Work bleibt häufig zu wenig Zeit – die Reflexion. Wer wollen wir als Unternehmen, als Abteilung, als Team sein? Warum tun wir, was wir tun? Was macht uns aus und was wollen wir anders machen? Was macht Sinn – für uns und unsere Kunden? Wie wollen wir arbeiten, mit Methoden, die wirklich zu uns passen? Reflexion wirkt: Das zeigen erfolgreiche Unternehmen wie Upstalsboom, betterplace.org oder sipgate. Und das zeigen Studien wie jene der Harvard Business School. Demnach steigern Führungskräfte mit 15 Minuten täglicher Reflexion ihre Leistung deutlich. Jedes Unternehmen muss seinen eigenen Weg finden, den Wandel zu stemmen. Und der wird kein leichter. Adaptieren statt korrigieren, experimentieren statt performen, kollaborieren statt konkurrieren, begleiten statt delegieren und Sinn geben statt Status versprechen: Erst so entsteht eine echte New-Work-Kultur – und sie beginnt bei den Führungskräften. Dazu gehört auch die Bereitschaft der CEOs und Vorstände, bei sich selbst anzufangen. New Work kann also nur dort ansetzen, wo jede Veränderung beginnt: beim einzelnen Menschen. Erst wenn Unternehmen Zeit und Raum für offene Reflexion schaffen, legen sie den Grundstein für echtes New Work. Und: Der Weg in die neue Arbeitswelt geht nur über das Miteinander. Erst dann entstehen Commitment, Vertrauen und der nötige Mut. Erst dann ist echte Veränderung möglich.

Blogs zum Thema

www.newworkstories.com

Das Blogzine für die neue Arbeitswelt versammelt kritische Meinungen, Porträts und Interviews mit Querdenkern, Andersmachern und New-Work-Pionieren. Im Podcast „Arbeit mal anders“ erzählen sie persönlich, was sie bewegt.

www.onthewaytonewwork.com

Podcast, der sich um New Work dreht und Interviews mit Entscheidern und Gründern aus der Wirtschaft vorstellt. Eine Podcastfolge zeigt ein Interview mit Frithjof Bergmann, dem „Erfinder“ der neuen Arbeit.

www.neuenarrative.de

Online Magazin für Neues Arbeiten mit spannenden Porträts und konkreten Tools für HR und Personalentwicklung.

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