Veränderungen in der Arbeitswelt

Arbeit neu denken

Von Michael Gneuss · 2019

Die Zukunft der Arbeit ist eines der großen Themen in unserer Gesellschaft und in der Wirtschaft. Fest steht: In den kommenden Jahrzehnten werden sich einschneidende Veränderungen in der Arbeitswelt ergeben. Gründe dafür sind unter anderem die Digitalisierung und der demografische Wandel. Für viele Unternehmen wird nun der Umgang mit den Mitarbeitern zum Erfolgsfaktor Nummer eins.

Schreibtisch mit Personen, die gerade eine Besprechung haben
Digitale Technologien stellen die Arbeitswelt auf den Kopf. Foto: iStock / metamorworks

Der Arbeitsmarkt steht kopf. Stand früher die Zahl der Arbeitslosen im Fokus des Interesses, so richten sich die Blicke heute immer mehr auf die unbesetzten Stellen. Deutlich wird der Mangel vor allem in den sogenannten MINT-Berufen. Von den Stellen für Mathematiker, Informatiker, Naturwissenschaftler oder Techniker waren in Deutschland im Oktober insgesamt 434.600 unbesetzt. Der IT-Verband Bitkom hat gerade einen Rekord bei den offenen Stellen für IT-Spezialisten bekannt gegeben. Die Zahl stieg in diesem Jahr um 51 Prozent auf 124.000. 

Knapp sind aber auch Pflegekräfte und Servicepersonal in der Gastronomie. Fast überall haben heute Arbeitnehmer eine gute Position, wenn sie sich bewerben. Und sie wissen das – vor allem die, die in der modernen Wissensgesellschaft auch mobil arbeiten können. Um Geld allein geht es ihnen oft nicht mehr. Bewerber fragen nach den Projekten, in denen sie eingesetzt werden sollen, nach Möglichkeiten, im Homeoffice zu arbeiten oder die Arbeitszeit zu verringern. Sie wollen wissen, wie sie ihre Work-Life-Balance aufrechterhalten können und was sie lernen können. 

Eigentlich ist das kein Wunder, denn der Arbeitsplatz bestimmt einen Großteil des Lebens. Oder anders gesagt: Arbeitszeit ist Lebenszeit. Und die will jeder möglichst sinnstiftend und mit Freude verbringen. Ein heute 15 Jahre alter Mensch aus Deutschland muss sich laut dem Statistischen Amt der Europäischen Union, darauf einstellen, dass er 38,4 Jahre arbeiten wird. Doch waren früher viele zufrieden, dass sie überhaupt einen Job bekommen, mehren sich heute die Ansprüche. Haben sich früher die Arbeitnehmer bei den Arbeitgebern beworben, so müssen sich heute die Unternehmen mächtig anstrengen, um den Zuschlag eines neuen Mitarbeiters zu erhalten. 

Digitalisierung verändert Arbeit

Aus Arbeitgebersicht ist das aber noch längst nicht alles. Die Digitalisierung verändert viele Unternehmensprozesse radikal. Veränderungen vollziehen sich immer schneller, weil neue Technologien immer neue Möglichkeiten eröffnen. Dafür werden permanent neue Qualifikationen benötigt.

Schon im Sprachgebrauch spiegelt sich der Wandel wider. Gesucht werden heute Talente. Jeder weiß, dass die Qualifikation, die bei der Einstellung den Ausschlag gegeben hat, in ein paar Jahren schon wieder veraltet ist. Das lebenslange Lernen zieht in den Arbeitsalltag ein. Moderne Fabriken bauen Schulungsräume mitten in der Halle ein. Moderne Arbeitskonzepte sehen Datenbrillen vor, auf denen Monteure Montageanleitungen ablesen können. Gelernt wird jederzeit. Das setzt eine hohe Motivation beim Arbeitnehmer voraus. War es früher kein ernsthaftes Problem, wenn sich die Mitarbeiter inmitten der Hierarchien wie kleine Räder im Getriebe fühlten und dabei wenig Vertrauen und viel Kontrolle verspürten, so steht nun ein Wandel bevor. Jetzt heißt es: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. 

In modern geführten Betrieben begegnen sich Geschäftsleitung und Arbeitnehmer auf Augenhöhe. Mitarbeiter werden als Individuen angesehen, die ihre jeweiligen Talente und ihr Leistungspotenzial sowie ihre Zufriedenheit am Arbeitsplatz entfalten sollen. Das Wort „Wertschätzung“ erhält dabei eine hohe Bedeutung. Für Unternehmen geht es immer dringlicher um die Bindung der Mitarbeiter. Laut der Studie „Arbeiten in Deutschland“ der Fach- und Führungskräftevermittlung Avantgarde Experts sind gut ein Drittel der Arbeitnehmer akut wechselwillig. In Zeiten der Fachkräfteknappheit wiegt aber jeder Abgang eines guten Mitarbeiters schwer.

Veränderungen in der Arbeitswelt: Höhere Komplexität fordert heraus

Unternehmenskulturen verändern sich aber auch, weil es anders immer weniger möglich sein wird, die zunehmende Komplexität zu beherrschen. Eine Vielfalt an anspruchsvollen Technologien auf der einen und immer diversere und anspruchsvollere Zielgruppen auf der anderen Seite stellen auch große Konzerne vor gewaltige Herausforderungen. Es reicht nicht mehr, die bewährten Produkte zu verbessern. Es gilt, völlig neue Geschäftsmodelle auf Basis digitaler Services zu entwickeln. Und das geht nur, wenn die Unternehmen sich selbst neu erfinden und damit auch die Arbeit neu denken. Doch was in Start-ups von vornherein der Fall ist, fällt in Großunternehmen schwer. Was liegt da näher, als von Start-ups zu lernen? Schon seit einiger Zeit versuchen auch große Konzerne, kreative Prozesse zu entfachen, indem sie Start-up-Kulturen ins Unternehmen hineintragen. Themen wie New Work, Mitarbeiter 4.0, flexibles und agiles Arbeiten bekommen somit auch in Traditionshäusern eine wichtige Bedeutung. Damit wird auch der Generationswechsel forciert. Die nachrückenden Jahrgänge werden jedoch immer wählerischer. Sie sind es aber, die die Unternehmen in die nächste Phase der Automatisierung führen müssen, in der durch künstliche Intelligenz dem Menschen ein noch größerer Teil an Arbeit weggenommen wird und in der Roboter tatsächlich zu Kollegen werden. In der Zukunft werden damit für den Menschen immer weniger repetitive Tätigkeiten anfallen. Seine Zukunft liegt in kreativen Arbeiten, bei denen auch emotionalen und sozialen Aspekten eine wachsende Bedeutung zukommen wird. Auch deshalb müssen wir Arbeit neu denken.

Grafik: Bestand an offenen Arbeitsstellen im Jahresdurchschnitt

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