Wirtschaftsstandort Deutschland

Auf die Stärken besinnen

Von Michael Gneuss und Katharina Lehmann · 2019

Die deutsche Wirtschaft brummt. Im internationalen Vergleich steht der Wirtschaftsstandort Deutschland gut da – noch zumindest. Denn es ächzt und quietscht an vielen Ecken und Enden. Grund genug, die Bundesrepublik in Sachen Bildung, Infrastruktur und Digitalisierung auf die Zukunft auszurichten. Andernfalls droht sie im globalen Wettbewerb ins Hintertreffen zu geraten.

Metropole mit eingeblendetem Kopf eines Arbeiters. Thema: Wirtschaftsstandort Deutschland
Hochqualifizierte Fachkräfte werden für Unternehmen immer wichtiger. Foto: iStock /metamorworks

Als Wirtschaftsstandort steht Deutschland auf dem Treppchen. Das sehen zumindest die Autoren des globalen Index für Wettbewerbsfähigkeit so. Im aktuellen „Global Competitiveness Report“ des World Economic Forums (WEF) verorten sie die Bundesrepublik auf dem dritten Platz hinter den USA und Singapur und mit knappem Vorsprung vor der Schweiz, Japan, den Niederlanden und Hongkong. In puncto Innovationen ist die deutsche Wirtschaft sogar Weltmeister. Für ihr Ranking haben die WEF-Experten 140 Länder unter die Lupe genommen und diverse Faktoren, die das langfristige Wirtschaftswachstum bestimmen, auf einer Skala von 0 bis 100 bewertet. Deutschland erreicht hier 82,8 von 100 theoretisch möglichen Punkten. 

Ausschlaggebend für die gute Platzierung Deutschlands waren unter anderem die große Zahl der angemeldeten Patente sowie die vielen wissenschaftlichen Veröffentlichungen und die Zufriedenheit der Kunden mit deutschen Produkten. Zudem lobten die WEF-Forscher das hohe Ausbildungsniveau, die gesamtwirtschaftliche und finanzielle Stabilität und die Geschäftsdynamik. Pluspunkte gab es auch für die vielen Ingenieure, mit denen sich Innovationen besonders schnell umsetzen ließen. Wichtig sei dieses Know-how vor allem für die Industrie 4.0, also die Digitalisierung der gesamten Produktionsabläufe. Hier habe Deutschland laut WEF mit seiner starken Maschinenbauindustrie besonders viele Möglichkeiten. Denn nur wer produziert und industrielle Prozesse versteht, kann die Fertigung auch in eine neue Zeit führen.

Trotz Abkühlung weiterhin Wachstum am Wirtschaftsstandort Deutschland

Dass sich Deutschlands Wirtschaft sehen lassen kann, zeigen auch aktuelle Zahlen. Um 1,5 Prozent ist das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2018 nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes gestiegen. Die deutsche Wirtschaft ist damit das neunte Jahr in Folge gewachsen. Allerdings hat das Wachstum an Schwung verloren. In den beiden vorangegangenen Jahren war das preisbereinigte BIP jeweils um 2,2 Prozent gestiegen. Vor dem Hintergrund der sich eintrübenden Konjunktur prognostizieren die Wirtschaftsweisen für 2019 ein Wachstum von 0,8 Prozent. Für 2020 erwartet der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung Zuwachsraten von 1,7 Prozent.

Zwar schwächelt derzeit aufgrund weltweiter Unsicherheiten und der Abkühlung des Weltwirtschaftsklimas vor allem die Autoindustrie, doch Deutschland kann weit mehr als Autos bauen. Die deutsche Wirtschaft wird außerdem getragen von erfolgreichen Konzernen aus den unterschiedlichsten Branchen: Siemens, BASF, Bosch oder Adidas sind ebenfalls global erfolgreiche Unternehmen und gelten als Vorreiter auf vielen Gebieten. Vor allem aber steht der Wirtschaftsstandort Deutschland auf einer breiten Basis mittelständischer Betriebe. Es sind vor allem die vielen Hidden Champions, die traditionell einen großen Beitrag zum guten Ruf der Exportnation Deutschland leisten. 

Bedarf an Investitionen

Quelle: International Institute for Management Development, 2018

Sich auf diesem Status quo auszuruhen, wäre aber riskant. Deutschland muss sich auf seine Stärken besinnen und weiter und vor allem rasch investieren – und zwar in nahezu allen Bereichen. So ächzt das Ausbildungssystem unter andauerndem Lehrlingsmangel, die Schulen sind in ungenügendem Zustand, die Infrastruktur gilt als marode, die Energiewende stockt. Und auch beim Internet hinkt Deutschland hinterher, der Ausbau schneller Datenverbindungen lässt zu wünschen übrig, ganze Landstriche sind nicht an das Hochgeschwindigkeitsnetz angebunden. Dabei will Deutschland nun beim 5G-Ausbau weltweit eine Führungsrolle einnehmen. Derzeit ist davon allerdings nichts zu sehen, kritisiert die Strategie- und Innovationsberatung Arthur D. Little in ihrem 5G-Länderindex. Den ersten Platz im Ranking, welches den 5G-Ausbau in weltweit 40 Landern vergleicht, belegt Südkorea, gefolgt von den USA. Gut schnitten auch Australien, Katar, die Schweiz, Finnland, Spanien und die Vereinigten Arabischen Emirate ab. Abgeschlagen sind dagegen Frankreich und Deutschland. „Die Analyse stellt Deutschland kein gutes Zwischenzeugnis auf dem Weg zur Highspeed-Vernetzung aus“, mahnt Michael Opitz, Partner von Arthur D. Little. „Das selbsternannte Ziel, führend beim Standard 5G zu werden, ist noch sehr weit entfernt, obwohl dieser den Wirtschaftsstandort Deutschland deutlich stärken kann. Schon beim LTE-Standard hängt Deutschland international zurück“, so Opitz weiter. 

Steuersystem blockiert Unternehmen

Auch das „World Competitiveness Ranking“ der privaten Wirtschaftshochschule IMD sieht Deutschland derzeit nicht auf den Spitzenplätzen, sondern lediglich auf Rang 15 – Tendenz fallend. Zum Vergleich: 2014 belegte die Bundesrepublik noch den sechsten Platz. Seitdem wird sie nach unten durchgereicht – und liegt nun sogar hinter China und dem Wüstenstaat Katar. Den Spitzenplatz belegen die USA, die im vergangenen Jahr noch auf Platz vier gelistet waren. Der Vorjahres-Erste Hongkong fiel zurück auf Platz zwei. Dritter bleibt Singapur, gefolgt von den Niederlanden und der Schweiz. Für die Untersuchung analysierten die IMD-Experten eine Fülle von Daten aus 63 Ländern, etwa zur Beschäftigung, dem Handel und der Staatsverschuldung. Zudem befragten sie Tausende Manager. Deren Antworten lassen Europas größte Volkswirtschaft aber nicht gut dastehen. Es ist vor allem das hiesige Steuersystem, das die befragten Führungskräfte negativ bewerten. Die meisten von ihnen halten die Unternehmenssteuern für zu hoch. Nur etwas mehr als ein Prozent von ihnen findet, das aktuelle Steuersystem mache Deutschland als Wirtschaftsstandort attraktiv. 

Mit der Regierung sind knapp fünf Prozent der befragten Führungskräfte zufrieden. Die Manager beklagen die ausufernde Bürokratie. Deutschlands Behörden machten es gerade Gründern nicht einfach. Gelobt wird hingegen die große Zahl an qualifizierten Arbeitskräften in Deutschland. Mehr als 80 Prozent der Manager sind zufrieden. Und zwei Drittel von ihnen heben die im globalen Vergleich hohe politische Stabilität hervor. Die deutsche Regierung gilt zwar als ineffizient und schwerfällig, aber immerhin als berechenbar – und das ist ein wichtiger Faktor für Firmen, die nach einem Standort suchen.

Regionen mit speziellen Stärken

Quelle: IW Consult Köln, 2018

Doch Deutschland ist nicht gleich Deutschland. Auf ihren 357.578 Quadratkilometern Fläche hält die Bundesrepublik ganz unterschiedliche Standortfaktoren für die deutsche Wirtschaft bereit. Während Frankfurt am Main die internationalen Banken lockt, konkurrieren Berlin und München um die Gunst der Gründer, Start-ups und Tech-Firmen. Während Nordrhein-Westfalen Energieunternehmen ansiedelt und die Metropolregion Rhein-Neckar fest in der Hand der Industrieunternehmen ist, versuchen Kommunen in Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen die starke Autoindustrie als Argument für weitere Ansiedlungen zu nutzen. 

Welche Faktoren Unternehmen in Deutschland besonders schätzen, haben indes die Ökonomen von
IW Consult Köln untersucht. Fazit: Wichtig ist den Firmenlenkern, wo sie Fachkräfte finden, was diese kosten, wie hoch die Produktivität ihrer Mitarbeiter ist und inwieweit Städte die Steuerlast für Firmen attraktiv gestalten.

Messeankündigung „Tage der Expansion“

Die „Tage der Expansion“ sind der Treffpunkt von Investoren, Expansionsleitern großer und mittelständischer Unternehmen, Projektentwicklern und Gewerbestandorten aus ganz Deutschland. Dieser Top-Branchenevent findet am 6. und 7. Mai 2019 im Konferenzhotel Lufthansa Seeheim bei Frankfurt am Main statt. Unter dem Motto „Expansion & Wachstum: Chancen und Trends für Unternehmer und Gewerbestandorte“ erwarten die Besucher in diesem Jahr spannende Vorträge zu den Themen Wahl und Entwicklung von Standorten sowie Strategien zur Expansion. Die „Tage der Expansion“ bieten Interessierten wichtige Insights sowie gewinnbringende Know-how-Vermittlung auf Augenhöhe.

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