Digitale Infrastruktur

Deutschland klickt sich durch die Krise

Von Michael Gneuss · 2020

Als der Lockdown die Wirtschaft und das gesellschaftliche Leben beschränkte und persönliche Kontakte zur Ausnahme machte, wurde den Deutschen bewusst, wie wichtig eine digitale Infrastruktur ist. Nun stellt sich die Frage, wie stark die Corona-Pandemie den Willen zur Digitalisierung nachhaltig antreibt. Es spricht viel dafür, dass die Bereitschaft zur digitalen Transformation steigt.

Laptop auf dem eine Videokonferenz läuft
Videokonferenzen werden zum festen Bestandteil des Alltags. Foto: iStock/Nattakorn Maneerat

Wenn in Deutschland über den Stand der Digitalisierung gesprochen wurde, war von Euphorie in der Regel nichts zu hören. Dem Klischee zufolge ist dem Verbraucher die Entwicklung suspekt. Bei vielen sei die Sorge um die Sicherheit der Daten weit höher als die Lust auf digitale Anwendungen. Dem Mittelstand wurde gar unterstellt, er verschlafe die digitale Transformation aus Mangel an Ressourcen oder schlichtweg, weil die Einsicht fehlt. Der Staat wiederum vermeide alles, was ihn in die Rolle eines Treibers der Digitalisierung versetzen würde und so bleibe E-Government in Deutschland vor allem eins: ein Fremdwort. 

Krise als Chance

Doch dann kam das Corona-Virus und mit ihm die Maxime des Social Distancing. Nur auf digitalem Wege konnten viele Menschen einander näherkommen. Unternehmen, die tätig bleiben wollten, mussten ihre Arbeitsplätze mobilisieren, sprich: in die Arbeits- und Wohnzimmer ihrer Beschäftigten verlagern. Plötzlich waren digitale Lösungen en vogue. Videokonferenzen wurden zum festen Bestandteil des Alltags und jedes Tool, das den digitalen Alltag bereichern konnte, war begehrt. Deutlich mehr Menschen ist nun bewusst: Je digitaler, desto wettbewerbsfähiger.

Dennoch ist ein gewisser Teil der Skepsis geblieben. Die Marketing-Experten von Dentsu Aegis Network haben im März und April für ihren „Digital Society Index 2020“ rund 32.000 Personen zur Digitalisierung befragt. Dabei erklärten 47 Prozent, dass das Tempo der digitalen Entwicklung ihnen zu schnell sei. Gleichzeitig sind aber 53 Prozent optimistisch, dass Technologie bei der Lösung weltweiter Herausforderungen helfen könne. Sogar 67 Prozent erwarten positive Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben. 

Neues Mindset für Digitales

Solche Zahlen und Entwicklungen sind auch für die Wirtschaft interessant. Denn die digitale Transformation hängt am Mindset der Menschen. Wenn sie bereit sind für die digitale Welt, wird die Hürde auf dem Weg zur Modernisierung der Firmen beträchtlich flacher. Nur dann konsumieren die Menschen als private Verbraucher digitale Services und nutzen mit dem nötigen Interesse die modernen Technologien als Beschäftigte in den Unternehmen. 

Tatsächlich kommt die deutsche Industrie auf dem Weg der digitalen Transformation gut voran. Das jedenfalls bescheinigt ihr eine Umfrage des Digital-Verbandes Bitkom, die von Februar bis April erstellt wurde. Inzwischen nutzen danach 59 Prozent der Industrieunternehmen in Deutschland Anwendungen aus dem Bereich Industrie 4.0 – zum Beispiel vernetzte Produktionsanlagen, oder die Echtzeit-Kommunikation von Maschine zu Maschine. Vor zwei Jahren lag der Anteil noch bei 49 Prozent. Nur noch ein Prozent der Betriebe sagt, dass Industrie 4.0 für sie gar kein Thema sei. Diese Zahl lag 2018 noch bei neun Prozent. 

Mehr und mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass Digitalisierung auch hilft, besser durch Krisen zu kommen. So hat zum Beispiel das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim (ZEW) ermittelt, dass etwa drei Viertel der Soloselbstständigen mit einem sehr niedrigen Digitalisierungsgrad in der Corona-Krise nicht mehr in der Lage waren, die eigene Tätigkeit auszuüben. Bei Soloselbständigen, die sehr hoch digitalisiert sind, lag der Anteil nur bei 28 Prozent. 

abstrakte Verbildlichung von digitaler Transformation
Die digitale Transformation kommt gut voran. Foto: iStock/Olivier Le Moal

Digitale Infrastruktur macht krisenresilient

„Je digitaler die Industrieunternehmen aufgestellt sind, desto schneller werden sie sich von den Folgen des Shutdowns erholen", erklärt Bitkom-Präsident Achim Berg aber auch mit Blick auf größere Unternehmen. Schließlich sehen 94 Prozent der Unternehmen Industrie 4.0 als Voraussetzung für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie. Immerhin 73 Prozent der Industrieunternehmen in Deutschland verändern nicht nur ihre Prozesse, sondern auch ihre Geschäftsmodelle mithilfe digitaler Technologie. 

Dass digitalisierte Unternehmen krisenresilienter sind, liegt an der höheren Effizienz. In allen Abteilungen – von der Buchhaltung über Human Resources bis zum Einkauf und zur Produktion – lassen sich Kosten sparen, Prozesse beschleunigen und transparenter gestalten. Business Intelligence hilft durch Analysen und die Arbeit mit Daten, das Unternehmen besser zu verstehen. 

Zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren zählen aber auch Datenschutz und Cybersicherheit. Wenn die günstige Stimmung für die Digitalisierung in Zeiten der Corona-Pandemie genutzt werden soll, müssen die Lösungen auch an dieser Stelle überzeugend sein. Nur dann tickt Deutschland wirklich digital.

Digital Mindset

Digitalisierung scheitert oft, wenn sie in Unternehmen vor allem als eine Frage der Technik verstanden wird. Unternehmensberater weisen oft darauf hin, dass es wichtig ist, ein „Digital Mindset“ zu entwickeln – also eine Unternehmenskultur, in der Offenheit, Neugier und die Fähigkeit zum Querdenken ganz oben stehen, um neue Anwendungen zu kreieren.

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